
Wie
arbeiten wir eigentlich? Müssen wir so arbeiten? Wie wollen wir zukünftig
arbeiten? Wie könnte das Verhältnis von Arbeit – Leben – Einkommen – Zeit
anders aussehen?
Diese
und ähnliche Fragen bilden den Ausgangspunkt für den nachfolgenden Text. Mit
dem Dreischritt „Sehen – Urteilen - Handeln“, wird der Frage nachgegangen,
was - aus christlicher Sicht - eigentlich verdient „Gute Arbeit“ genannt zu
werden.
Der
Gründer der Kath. Arbeitnehmer/innen Bewegung (KAB), der belgische Arbeiterpriester
und spätere Kardinal Joseph Cardijn, schildert diese Herangehensweise so:
„Wenn ich an Arbeiter herantrat, jung
oder alt, so waren meine ersten Fragen immer: Wo wohnen Sie? Wie viel verdienen
Sie? Haben Sie Zeit ihre Kinder zu sehen und zu erziehen? Und nicht, wie manche
erwarteten: Gehen Sie zur Messe?“
[1]
So
wird im ersten Teil ein Blick auf die aktuelle Situation arbeitender Menschen,
und hier nochmals genauer die Situation von Frauen, geworfen.
Der dritte Teil skizziert als ein mögliches Handlungsmodell das Projekt „Gute
Arbeit“, welches in Österreich von der KAB und der Betriebsseelsorge gestartet
wird.
1. SEHEN
Hauptsache
Arbeit?
„Unsere
Frauen und Mütter sind teilweise die modernen Sklaven in der heutigen Arbeitswelt,
zum Beispiel als Verkäuferinnen/Kassierinnen“ lautet eine
der aktuellen Beschreibungen im Sozialbericht
[2]
, den die 14 christlichen Kirchen in Österreich im September
2001 veröffentlicht haben.
Um weiter auszuführen: „Gerade alleinerziehende Frauen werden zu immer unpassenderen Arbeitszeiten zum Dienst verpflichtet: lange Mittagspausen, lange Abende, sodass viel Zeit verloren geht und die Kinder zu Hause allein sind...“ [3] und allgemein festzustellen: „Die Arbeitsbedingungen werden immer schwieriger. In einer Abteilung sind immer weniger Mitarbeiter, es wird jedoch mehr gefordert als früher. ... Die Schwächeren werden am Arbeitsplatz benachteiligt, Mobbing nimmt zu.“ [4]
Kann die weitverbreitete Meinung: „Hauptsache
eine Arbeit haben!“ wirklich unkommentiert stehen bleiben? Oder darf auch
nachgefragt werden, was Arbeit mit uns Menschen macht, wenn die oben angeführten
Zitate stimmen?
Was Menschen in der Arbeitswelt erleben
ist zentrales Anliegen der KAB, die als Katholische Arbeitnehmer/innen Bewegung
die „Arbeit“ in ihrem Namen trägt. „Wir
stellen den Menschen in die Mitte“ war die Kernaussage des neuen Grundsatzprogramms,
welches im Jahr 2001 – nach einem intensiven Diskussionsprozess – beschlossen
wurde. Beim Engagement für Menschen in der Arbeitswelt tauchen viele Fragen
auf.
1.1.
Leben wir noch in einer Arbeitsgesellschaft?
In den letzten Jahren wurde unsere Gesellschaft
mit vielerlei Namen bedacht: Konsumgesellschaft, Freizeitgesellschaft, Erlebnisgesellschaft,
usw. Und in kaum einem Beitrag wurde nicht der amerikanische Ökonom Jeremy
Rifkin genannt, der mit seinem „Ende der Arbeit“
[5]
für einen Nachruf auf die Arbeitsgesellschaft gesorgt hatte.
Heute scheinen Wunsch und Wirklichkeit wieder auseinander zu driften und der
„Nachruf“ etwas verfrüht. Denn immer deutlicher wird in den letzen Jahren,
dass Erwerbsarbeit nach wir vor der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe
ist, weil wir ohne Geld all die Produkte, die man haben muss, um dazu zu gehören,
nicht kaufen kann. „Consumo ergo sum“ – ich konsumiere also bin ich – ist
die Botschaft, die täglich über Millionen Bildschirme flimmert und mittlerweile
können wir alle spontan zu jeder Ware einen Markennamen nennen: Brillen und
Schuhe, Uhren und Parfums, Sakkos und Handtaschen... längst werden „Marken“
weltweit zu Wertevermittlern hochstilisiert, man kauft sich sozusagen das
Image – nicht zusätzlich, sondern zuerst und erst danach das Produkt. Obwohl
wir uns also gerne über Markenware definieren und unsere Freizeitbeschäftigung
zum scheinbaren Lebensinhalt machen – es erscheint fast undenkbar, dass ein/e
Snowboarder/in den gleichen Anorak wie ein Schifahrer/in trägt – ja, obwohl
wir uns in diesen „Lebensstiläußerungen“ geradezu baden, bleibt eine Wirklichkeit
bestehen:
Welchen
Beruf ich habe, ist prägender Teil meiner Identität und ein wichtiger und
entscheidender Schlüssel zu gesellschaftlicher Anerkennung. Noch immer
sind uns andere Vermittlungsformen für den Selbstwert weitgehend unvertraut.
Wir haben keine echte Lebensalternative zur Arbeit und so wird die Erwerbs-Arbeitslosigkeit
– zu Recht – als auf Dauer „menschenunwürdiger Zustand“ empfunden. Allerdings
hat beim Verständnis, was Arbeit ist und was nicht, eine Verengung stattgefunden,
die im Satz gipfelt: „Ich arbeite nicht, ich bin nur Hausfrau!“ Nur die bezahlte Erwerbsarbeit
wird als „echte Arbeit“ angesehen und mit gesellschaftlicher Achtung und Anerkennung
verbunden. Dieses Denkmuster entpuppt sich immer mehr als Sackgasse, weil
das in den letzten Jahrzehnten relativ gut funktionierende Zusammenspiel von
Produktivität, Arbeitskräftebedarf und Konsum immer unübersehbarer aus dem
Gleichgewicht kippt. Die Folgen beschreibt der Wiener Berufsbildungsforscher
Erich Ribolits
[6]
so:
-
Auch in den Industriestaaten sucht uns wieder das Phänomen
der (Massen)-Arbeitslosigkeit heim.
-
Die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse steigt rasant an:
Niedrigbezahlte Arbeiten, sozialrechtlich wenig abgesicherte Arbeiten, neue
– oft ungewollte – Selbständigkeit, Flucht aus dem Arbeitsrecht, ...
-
Die drohende Spaltung der Gesellschaft: die einen haben keine
Arbeit, für andere steigt die reale Arbeitszeit und die Zeitnot an.
Worum es heute geht, ist ein Verlassen
des Denkkorsetts der Arbeitsgesellschaft. Es ist höchste Zeit für die Einsicht,
dass der Mensch sich nicht als arbeitender Konsument vom Tier unterscheidet,
sondern als denkendes Wesen.
Wenn Arbeit mehr ist, als Erwerbsarbeit,
dann muss eine sich in Veränderung befindliche „Arbeitsgesellschaft“ andere
Formen der Arbeit anregen und ausbauen. „Es geht dabei gleichermaßen um die „Befreiung
in der Arbeit“ und eine „Befreiung von der Erwerbsarbeit“ in den derzeit vorherrschenden
Strukturen und Abhängigkeiten“
[7]
fordert die KAB in Deutschland. Und im neuen Grundsatzprogramm
der KAB-Österreich steht: „Nicht zuletzt
reicht der Begriff Arbeit weit über die reine Erwerbsarbeit hinaus und so
bilden besonders die gesellschaftlich unverzichtbaren Bereiche unbezahlter
Arbeit z.B. Hausarbeit, Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen – aber auch
ehrenamtliche Tätigkeit – wichtige Bestandteile.“
[8]
Mit der „Triade der Arbeit“
[9]
sind folgende Bereiche angesprochen:
-
Die gesellschaftsbezogene
Erwerbsarbeit entspricht der Solidarität: Arbeit als Wahrnehmen einer
notwendigen Aufgabe in der Gesellschaft (Beruf)
-
Die personenbezogene
Eigenarbeit entspricht der Personalität: Diese Arbeit zielt nicht auf
Gelderwerb, sondern ist Nutzen für sich und das persönliche Umfeld (Familie)
-
Die gemeinschaftsbezogene
Öffentlichkeitsarbeit entspricht der Subsidiarität: Diese – oft ehrenamtliche
– Arbeit erledigt nützliche und notwendige Aufgaben für das gesellschaftliche
und soziale Zusammenleben. (Vereine)
Alle drei Bereiche dieser „Triade der
Arbeit“ tragen wesentlich zur gesamtgesellschaftlichen Wertschöpfung bei.
Umso wichtiger erscheint, einerseits allen drei Bereichen die gleichwertige
gesellschaftliche Anerkennung zukommen zu lassen, andererseits die Durchlässigkeit
zwischen den Bereichen zu erhöhen. Da derzeit der weit überwiegende Teil unbezahlter
Arbeit von Frauen geleistet wird, ist eine gerechtere Aufteilung der Arbeitsbereiche
vorrangig. Dies bedeutet sowohl eine Ablösung der einseitigen Abhängigkeit
zugunsten des Berufs bzw. der Familie, als auch ein Gegenmodell zur „vaterlosen
Gesellschaft“. So würde nicht nur die Wirtschaft von einem höheren Anteil
an Frauen – auch in höheren und leitenden Positionen – profitieren, sondern
würden auch Männer aus dem „Vater-Sein“ für sich und ihre Kinder bleibende
Bereicherung für ihr Leben erfahren.
1.3.
Unerhört! Wie Frauen leben und arbeiten wollen
„Es
ist unerhört, es ist nicht zu glauben, wie hartnäckig sich die Struktur der
Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern hält!“
[10]
So begrüßte
die Stv. Bundesvorsitzende der KAB-Deutschland, Ulrike Willing-Spielmann,
über 250 Teilnehmer/innen beim Europäischen Frauenkongress im Mai 2002 in
Köln. Vorangegangen war eine Umfrage katholischer Arbeitnehmerverbände in
Deutschland, Schweiz, Österreich und Südtirol, bei der rund 2.500 befragte
Frauen eine bessere Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familienarbeit forderten.
Über 94 % der Befragten leisten Hausarbeit,
42 % Kindererziehung, mehr als 12 % pflegen kranke oder ältere Angehörige.
In zwei Drittel der Haushalte übernehmen die Frauen allein oder überwiegend
die Arbeit, nur in einem Drittel beteiligt sich der männliche Partner regelmäßig
daran. 80 % der befragten Frauen wünschen künftig ein stärkeres Engagement
von Männern an der Familienarbeit.
Die einseitig auf Erwerbsarbeit konzentrierte
Diskussion in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft müsse aufgebrochen werden
und unbezahlte Familienarbeit und ehrenamtlich, aber gesellschaftlich notwendige
Arbeit einbeziehen, ist das Fazit der Umfrage.
Bei der Tagung in Köln wurde eine Vielzahl
von inhaltlichen Schwerpunkten konkretisiert, von denen zwei beispielhaft
genannt seien:
Beteiligung
an der Erwerbsarbeit:
Die Zukunftsperspektive einer Tätigkeitsgesellschaft
beinhaltet gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an allen drei Formen
gesellschaftlich unverzichtbarer Arbeit. Damit verbunden ist eine gerechte
Verteilung der Arbeitsformen zwischen Frauen und Männern. Ziel muss es sein,
die Erwerbsarbeit so zu verändern, dass eine Vereinbarkeit von Leben und Arbeiten
möglich wird. Dazu müssen Instrumente der EU zur Durchsetzung von Chancengleichheit
konsequent angewandt und weiterentwickelt werden, wie etwa das Prinzip des
„Gender Mainstreaming“, der Chancengleichheitsgrundsatz im Vertrag von Amsterdam,
beschäftigungspolitische Leitlinien, aber auch der flächendeckende Ausbau
vielfältiger Formen der Kinderbetreuung.
Eigenständige
Existenzsicherung von Frauen:
Im Durchschnitt verdienen Frauen in Europa
rund 25 % weniger als Männer. Hinzu kommt, dass sich in den Industriestaaten
eine zunehmende Spaltung zwischen armen und reichen Bevölkerungsgruppen beobachten
lässt, die durch die Tendenz zur Rücknahme sozialstaatlicher Leistungen noch
verschärft wird. UN-Angaben zufolge sind 70 % aller Armen auf der Welt Frauen.
Wenn Arbeit gerechter verteilt werden soll, kann und darf Existenzsicherung
nicht mehr allein auf der Erwerbsarbeit aufbauen. Dazu sind Konzepte zu entwickeln
und einzuführen, welche die unterschiedlichen Formen von Existenz- und sozialer
Sicherung aus Arbeit, sozialen Sicherungssystemen und Grundsicherung in unterschiedlichen
Lebensphasen miteinander verbinden. Daneben bildet die gerechte Bewertung
und Entlohnung der Erwerbsarbeit von Frauen einen unverzichtbaren Bestandteil.
Nicht zuletzt müssen alle Formen gesellschaftlich notwendiger Arbeit in Altersicherungssystemen
Berücksichtung finden.
Der Frauenkongress in Köln zeigte einmal
mehr, wie langsam und mühsam Veränderungen – auch wenn sie längst zu Papier
gebracht wurden – vor sich gehen. Bei der Bundeskonferenz der KAB-Österreich
im Oktober 2002 beschrieb dies die Anwältin für Gleichbehandlungsfragen, Dr.
Christine Baur, mit dem Satz:
„Selbst die ewigen Berge verändern ihre
Schwierigkeitsgrade,
sobald eine Frau es bis auf den Gipfel
geschafft hat!“
In
der biblischen Botschaft kann man gerade im Blick auf die Arbeitswelt eine
überraschende Entdeckungen machen. Das Thema der menschlichen Arbeit kommt
nicht nur am Rande vor, sondern steht durchaus im Zentrum und ist „Teil der
Selbstdefinition Gottes“
[11]
, wie der ehemalige Geistliche Assistent der KAB-Steiermark,
Prof. Franz Vollmann, in einem Text zur Humanisierung der Arbeit betont.
Bereits im Dekalog, einem der zentralen
Glaubensdokumente Israels, offenbart sich der biblische Gott als ein Gott,
der verknechtende und menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse in befreiende
und menschenwürdige umgekehrt hat. Gott stellt sich nämlich so vor: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten
geführt hat; aus dem Sklavenhaus.“
[12]
So geben die Arbeitsbedingungen der Israeliten in Ägypten
den konkreten und realistischen politischen und wirtschaftlichen Hintergrund
ab, für die Selbstvorstellung Gottes. Genau auf diese Arbeitsbedingungen der
Israeliten in Ägypten bezieht sich Gott, um auszudrücken, wer er ist.
Auch im Neuen Testament findet sich bereits
in der Antrittsrede Jesu in der Synagoge von Nazaret folgende Botschaft: „Der
Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich
gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen
die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen
in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“.
[13]
Mit diesen biblischen Botschaften erweist sich Jahwe als
ein hochpolitischer und zugleich parteiischer Gott. Er stellt sich auf die
Seite der Ausgebeuteten und Unterdrückten, wenn er auf die Arbeitsbedingungen
seines Volkes in Ägypten voller Mit-Leiden blickt und in Jesus Christus den
Armen die „gute Nachricht“ verkünden lässt. So wird die menschliche Arbeit
und ihre gerechte Gestaltung zu einem fundamentalen theologischen Thema, welches
seinen eigentlichen Ort im „Herzen Gottes“
[14]
hat.
2.1.
Die Arbeit ist für den Menschen da
Seit Beginn seines irdischen Lebens hat
Jesus sich im Sinne der ganzen prophetischen Tradition für den Schutz der
Würde jedes Menschen eingesetzt – angefangen bei den Geringsten und den, wegen
des Berufs, den sie ausübten – Verachteten. Die ersten, welche die große Freude,
die Geburt des Erlösers vernahmen, waren die Hirten, die wegen der Arbeit,
die sie verrichteten, als unrein galten.
„So wahr es auch ist, dass der Mensch zur Arbeit bestimmt und berufen ist,
so ist doch in erster Linie die Arbeit für den Menschen da und nicht der Mensch
für die Arbeit.“
[15]
Im Lichte des Evangeliums lassen sich
folgende Beurteilungen benennen:
Arbeit muss gerecht verteilt werden:
In der Tradition des Sabbat- und Jobeljahres
darf die soziale Dimension nicht in Vergessenheit geraten. Im „Gnadenjahr des Herrn“ ordnet Gott selbst,
nach dem 25. Kapitel des dritten Mosebuches, sowohl ein Sabbatjahr (das Brachliegen
der Felder alle 7 Jahre) als auch ein Jobeljahr an. In diesem Jahr (nach 7
x 7 Jahren) wurde die Gleichheit der Söhne und Töchter Israels wiederhergestellt.
Schulden wurden nachgelassen, Sklaven freigelassen, Grundbesitz zurückgegeben.
Diese biblische Inspiration enthält weitreichende Konsequenzen. Zumindest
die Frage nach einer gerechten Verteilung von Arbeit – zwischen Männern und
Frauen, zwischen Jungen und Alten, zwischen Einheimischen und Ausländern –
stellt sich dadurch immer neu.
Arbeit muss dem Leben dienen:
Was verdient eigentlich, Arbeit genannt
zu werden? Diese Frage wird dann brisant, wenn man fragt, ob beispielsweise
auch ein Einbrecher arbeitet. Der Volksmund sagt jedenfalls, die Einbrecher
seien vornehmlich in der Nacht „an der Arbeit“. Von dem Arbeitsverständnis
her, das der biblischen Tradition des Sabbat- und Jobeljahres zugrunde liegt,
erweist es sich als höchst problematisch, jedwede Aktivität und Tätigkeit
des Menschen als Arbeit zu bezeichnen. Der Baseler Bischof Kurt Koch formuliert:
„Der biblischen Tradition kann nur ein Arbeitsverständnis
entsprechen, das die menschliche Arbeit nicht als selbstherrlich benutztes
Machtinstrument zur Unterwerfung der Menschen und zur Ausbeutung der Natur
versteht, sondern als Mitarbeit in und an der Schöpfung Gottes und somit als
Tätigkeit des Bewahrens und umfassender Geschwisterlichkeit und globaler Mitkreatürlichkeit.“
[16]
Und die deutsche Theologin Dorothee Sölle bringt
es auf den Punkt: „Jede Arbeit, die
auf Vernichtung der Lebenden, der Nachkommen, der Mitgeschöpfe und der ganzen
Erde abzielt, ist mit dem christlichen Glauben unvereinbar. Ein Soldat ist
kein Arbeiter.“
[17]
Nach der Bibel ist eine ständige Bemühung
um Humanisierung der menschlichen
Arbeit und der Arbeitsbedingungen notwendig, eine Befreiung von Arbeitsverhältnissen,
die Menschen knechten. Dies wird im Exodus-Bericht mit folgenden Worten angezeigt:
„Ich habe das Elend meines Volkes in
Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über die Antreiber habe ich gehört.
Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu
entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in
dem Milch und Honig fließen.“
[18]
Schließlich darf nicht das ganze menschliche Leben auf
die Wirtschaft hin ausgerichtet werden, sondern es muss mit einer regelmäßig
wiederkehrenden Arbeitsniederlegung ein Ruhetag gesichert bleiben. Durch die
Sicherung des Ruhetages hat der Mensch
auch teil am 7. Tag – dem Ruhetag des Schöpfers – und wird die Arbeit befreiend
begrenzt. Diesen grundmenschlichen Charakter kann die Arbeit aber nur dann
zurückgewinnen, wenn das Leben des Menschen nicht nach seinem Leistungswert
beurteilt wird, sondern zunächst in seinem Seinswert
anerkannt und geachtet wird. Die einseitige Ausrichtung der menschlichen Arbeit
und aller menschlichen Lebensvollzüge auf wirtschaftlichen Erfolg und auf
die Vermehrung von Macht und Geld zu Lasten der Erde und ihrer Menschen hat
verschiedene Götzen vor Augen, nicht den biblischen Gott des Lebens! Der Schweizer
Dichterpfarrer Kurt Marti schreibt zur notwendigen Begrenzung: „Immer mehr Arbeit entpuppt sich als Mittäterschaft
an einem gigantischen Zerstörungswerk. Man wird bald froh sein müssen um jeden,
der nicht mehr arbeiten will, und ihn auf Kosten der blindlings Tätigen dafür
entlöhnen.“
[19]
Die Kath. Soziallehre unterscheidet zwei
Dimensionen der Arbeit:
Die Individualnatur der Arbeit beinhaltet: Entfaltung und Sinngebung der
Persönlichkeit, die Existenzsicherung, die Entwicklung und Entfaltung der
Personenwerte und den Stolz auf das vollendete Werk.
Die Sozialnatur der Arbeit bringt zum Ausdruck: Der Erwerb des Lebensunterhaltes
ist zugleich ein entsprechender Dienst für die Gemeinschaft und ein Beitrag
zur geschichtlichen Entwicklung des göttlichen Planes.
Im Sozialhirtenbrief der katholischen
Bischöfe heißt es: „Arbeit und Wirtschaft
haben wesentlich mit dem „Plan Gottes mit den Menschen“ zu tun. Sein Auftrag,
die Erde zu bebauen und zu behüten enthält einen Lebensentwurf: Im verantwortungsbewussten
Gestalten der Erde entfaltet der Mensch das, was Gott mit der Welt vorhat.“
[20]
Bei einer Österreichischen Pastoraltagung
hat Prof. Friedhelm Hengsbach, SJ, fünf Dimensionen der Arbeit als sozialethische
Kriterien aufgezählt:
1. Arbeit ist eine Ausdrucksform
des Glaubens:
Es kann keine Entgegensetzung von Schöpfung
Gottes und Arbeit des Menschen geben, vielmehr haben die Menschen von Gott
ein Mandat zu arbeiten erhalten.
2.
Arbeit hat eine naturale Dimension, ist Leben:
Die Menschen setzen sich mit der Natur
auseinander, um das physische Überleben zu sichern. Mit Hilfe der Technik
beschaffen wir uns die Güter der Erde, die wir zum Leben brauchen; dabei sind
wir aber in Gefahr, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören.
3.
Arbeit hat eine personale Dimension, ist Selbstfindung:
Arbeit kann und soll ein Ort der Menschwerdung
des Menschen sein. Selbstfindung geschieht nicht nur durch den Weg nach innen,
sondern auch durch jede sinnvolle Arbeit.
4.
Arbeit hat eine soziale Dimension, ist Kommunikation:
Die Arbeit kann und soll dazu beitragen,
dass der Mensch seine schöpferischen Kräfte in den Arbeitsprozess einbringt, gemeinsam mit anderen seinen
Beitrag zum Gemeinwohl leistet und an Entscheidungsprozessen beteiligt ist.
5.
Arbeit hat eine politische Funktion, ist Kampf:
Die politische Aufgabe besteht darin,
eine Ethik der wirtschaftlichen Macht zu entwerfen und zusammen mit den neuen
sozialen Bewegungen das gegenwärtige Wirtschaftsmodell auf mehr Gerechtigkeit
hin weiterzuentwickeln.
2.3.
Spiritualität der Arbeit
„Der
tägliche Broterwerb – diese aktive und intensive Wachzeit der Menschen – hat
mit Gott etwas zu tun“
[21]
schreibt der
Linzer Betriebspfarrer und Geistliche Assistent der KAB-Österreich, Hans Gruber.
Um erläuternd auszuführen: In die Arbeit legen die Menschen ihre Kraft, ihr
Können, ihre Kreativität – ganz gleich, wie sie aussieht und wie sie organisiert
ist. Begegnungen, Konflikte und Interessensausgleich finden am Arbeitsplatz
statt. In diesen Stätten wird oft über Wohl und Wehe von Menschen entschieden;
- und weil die Menschen mit der Berufskleidung nicht auch ihre Erlebnisse
in den Schrank hängen können, haben ihre Familien „Anteil“ an Erfolgen und
Belastungen der Berufstätigen. Arbeit und Beruf müssen daher Gegenstand der
Theologie und der Pastoral sein.
„Die
Sprache des Lebens Jesu Christi ist eindeutig: Er gehört zur „Welt der Arbeit“,
anerkennt und achtet die menschliche Arbeit. Man kann sogar sagen: Er schaut
mit Liebe auf die Arbeit und ihre verschiedenen Formen, deren jede ihm ein
besonderer Zug in der Ähnlichkeit des Menschen mit Gott, dem Schöpfer und
Vater, ist“.
[22]
Gottes befreiender
Geist wirkt mitten unter den Menschen auch in Betrieben und im Alltag, wenn
sich Einzelne und Gruppen für bessere Lebensbedingungen, für mehr soziale
Gerechtigkeit oder die Rechte von Schwachen und Benachteiligten einsetzen.
Zur „Spiritualität der Arbeit“
hält die KAB-Österreich in ihrem Grundsatzprogramm fest: „Christus hat die Welt auch durch die Arbeit
erlöst!“
[23]
Neben der Frohen Botschaft vom Reich Gottes, verkündete
Jesus Christus das „Evangelium der Arbeit“, indem er einen großen Teil seiner
Lebensjahre als Zimmermann arbeitete. In diesem Lichte zeigt sich die menschliche
Arbeit auch als Teilhabe an der Erlösung. Wenn menschliche Arbeit von dieser
Spiritualität getragen ist, genügt sie sich nicht selbst, sondern verweist
notwendig auf einen anderen. In diesem Sinne gewinnen auch Mühe, Einsatz für
Solidarität, Kampf für Gerechtigkeit eine „sakramentale“ Bedeutung, da sie
zum Zeichen einer anderen, einer viel tieferen Wirklichkeit, werden.
3. HANDELN
Das
Projekt „Gute Arbeit“
„Kann denn Arbeit Sünde sein?“ – eine
Frage, so alt wie der Begriff Arbeit selbst. Während die Antike von der Vorstellung
geprägt war, Arbeit sei etwas Verachtenswertes, für Unfreie oder Sklaven,
ist diese einst „niederste Tätigkeit“ in der Gegenwart an die erste Stelle
gerückt. Die „vita activa“, die aktive Gestaltung der Welt, hat längst die
„vita contemplativa“, das zuschauende und zu verstehen suchende Teilhaben
an der Welt überflügelt. Die Welt wird zur Baustelle und jede Tätigkeit zur
Arbeit: Glaubens- und Gefühlsarbeit, Trauerarbeit, Stadtteilarbeit, Probenarbeit,
Beziehungsarbeit...
In seinen ökonomisch-philosophischen Manuskripten
beschrieb Karl Marx den Menschen als „animal laborans“, als arbeitendes Wesen,
der sich allerdings wegen der „Entfremdung der Arbeit“ dabei verliere: „Der
Arbeiter fühlt sich erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer
sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet und wenn er arbeitet, ist er
nicht zu Haus. ... Ihre Fremdheit (der Arbeit) tritt darin rein hervor, dass,
sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine
Pest geflohen wird.“
[24]
Mittlerweile steht neben dem Leidens-Charakter
der Arbeit auch in der Theologie das positive Bedeutungsfeld. So bezeichnet
Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika „Laborem exercens“ die Arbeit wörtlich
als „bonum arduum“ und bringt damit zum Ausdruck: Arbeit erfordert Anstrengung
– aber sie ist kein Übel, nicht einmal ein notwendiges Übel, am allerwenigsten
ein Fluch; sie ist objektiv ein Wert oder Gut!
3.1.
Gute „Vor-Arbeit“ in Finnland und Deutschland
„Wir
haben das „Good Work Project“ begonnen, um eine Diskussion darüber voranzutreiben,
was „good work“ heutzutage bedeutet, da Deregulierung und Globalisierung weit
fortgeschritten sind. Wir wissen jetzt noch nicht, was das Ergebnis dieses
Projektes sein wird. Wir freuen uns aber, dass die Diskussion sich auch auf
lokaler Ebene verbreitet“
[25]
beschreibt
Marja Kantanenen, Sozial- und Industriepfarrerin von Helsinki ihr Projekt.
Ausgangspunkt für das finnische Projekt waren der Hirtenbrief der Amerikanischen
Römisch katholischen Bischofskonferenz von 1986 „Economic Justice For All“
ebenso wie eine Studie der Anglikanischen Kirchenkonferenz: Council of Churches
for Britain and Ireland „An Enquiry on Unemployment and the Future of Work“
aus dem Jahr 1997. Ebenso bildete das gemeinsame Wort der Kirchen zur wirtschaftlichen
und sozialen Situation in Deutschland „Für eine Zukunft in Solidarität und
Gerechtigkeit“ eine Grundlage für die UIM (Urban Industrial Mission) in Finnland
eine inhaltliche Diskussion darüber zu starten, was „good work“ im Zeitalter
der Globalisierung und Deregulierung bedeuten könnte. Nach dem Start des Projektes,
zahlreichen Seminaren und u.a. der Herausgabe eines „good work“- Handbuches
formulierte die finnische UIM im Jahr 2000 zehn Kriterien:
Good Work – Gute Arbeit
-
stellt Produkte her, die wirklich wertvoll sind
-
respektiert die Würde jedes Menschen als Ebenbild Gottes
-
ist Dienst am Nächsten
-
gibt dir die Möglichkeit, deine Gaben/Talente zu verwirklichen
-
geht achtsam mit der Schöpfung um
-
gewährt ein angemessenes Einkommen
-
gibt die Möglichkeit, Arbeitsbedingungen und den Arbeitsrhythmus
zu ändern
-
ermöglicht auch Ruhepausen und Erholung
-
stärkt jedes Mitglied der Gemeinschaft im Betrieb oder im Gemeinwesen
-
formuliert Kriterien für die Vereinbarkeit von Familie und
Beruf
Auf der Konferenz
der European Contact Group of Urban and Industrial Mission (=ECG) wurde im
September 2000 das finnische Projekt vorgestellt und wurde von der KDA (=kirchlicher
Dienst in der Arbeitswelt) der Evangelischen Kirche in Deutschland aufgegriffen.
Dabei wurde der Kriterienkatalog um fünf Punkte erweitert:
Gute Arbeit
– Good Work:
-
beteiligt die Mitarbeitenden an betrieblichen Entscheidungsprozessen
-
steht im Dienst weltweiter Gerechtigkeit
-
sorgt für eine gerechte Verteilung von Gütern und Chancen
-
geschieht in Solidarität
-
eröffnet allen Menschen Beteiligungsmöglichkeiten
Ziel der Projekte in Finnland und Deutschland
ist, über die Frage, wie wir arbeiten und wie wir zukünftig arbeiten wollen
eine möglichst breite Diskussion anzuregen.
3.2. Die Betriebsseelsorge und die KAB machen sich in Österreich gemeinsam auf den Weg
Im Jänner 2002 trafen sich im Betriebsseminar
in Linz die KAB-Österreich und die Betriebsseelsorge–Österreich zum Studientag
„Gute Arbeit“. In seinem Grundsatzreferat beschrieb der Bildungssekretär des
ÖGB-Oberösterreich, Sepp Wall-Strasser, die Entwicklung der Erwerbsarbeit
in Österreich:
[26]
“In ihrer Entstehung
war die industrielle Lohnarbeit zunächst Zwangsarbeit. Arbeiter/innen wurden
mit Gewalt zu ihren Arbeitsstätten gebracht, die Fabriken mussten von Militärs
bewacht werden. In der ersten Phase galt es für Gewerkschaften Arbeitsbedingungen
zu erreichen, die nicht mehr gesundheitsschädigend und lebensverkürzend für
die Arbeiter/innen waren. In einer zweiten Phase (um den 1. Weltkrieg) entstand
mehr und mehr die Idee vom neuen Menschen, einer neuen Kultur, einem demokratischen
Aufbruch, sozialem Wohnbau usw. Erste Kollektivverträge regelten die Arbeitszeit
und den Lohn. Nach dem 2. Weltkrieg erfolgte der Wiederaufbau im Rahmen der
„sozialen Marktwirtschaft“. Die „Humanisierung der Arbeitswelt“
wurde wichtig, es gab zahlreiche Verbesserungen für Arbeitnehmer/innen.
In den letzen beiden Jahrzehnten beschränken sich Forderungen der Gewerkschaften
zusehends auf die Sicherung des Erreichten. Es kommt zu einem immer stärkeren
roll-back, zum Wechsel von einer sozialen zu einer radikalen Marktwirtschaft.
Es gelingt Gewerkschaften und sozialen Bewegungen kaum noch, wirkliche Forderungen
an eine menschengerechte Gestaltung der Arbeit zu stellen.“
Als mögliche Handlungsfelder benennt der
Studientag:
Dazu gehören die Forderungen nach Mitbestimmung
und Beteiligung, aber auch die Verbesserung von Kommunikation und Zusammenarbeit
in den Betrieben.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie
sowohl zeitlich als auch räumlich und geschlechtsbezogen.
Als Beispiele werden die Anerkennung von
Weiterbildung in der Arbeitszeit oder auch die soziale Absicherung ohne Lohnarbeitsverhältnis
genannt.
Als Ziel kristallisiert sich heraus, in
Österreich einen Diskussions- und Bewusstseinsbildungsprozess zu starten,
der zu mehr Menschlichkeit in der Arbeitswelt führt und klar macht: „Der Mensch
steht im Mittelpunkt von Arbeit und Wirtschaft!“
3.3.
Ein Ausblick
Offensichtlich unterliegt die Arbeitswelt
derzeit weltweit einem radikalen Wandel. Das Projekt „Gute Arbeit“ soll in
Österreich eine Diskussion darüber ins Rollen bringen, ob dieser Wandel auch
gestaltbar ist und nach welchen Wertvorstellung diese Gestaltung geschieht.
Konkrete Fragestellungen dazu sind:
Die
Bedingungen der Erwerbsarbeit:
Muss Erwerbsarbweit immer mehr nach „eigenen
Spielregeln“ ablaufen z.B. die „just-in-time-Produktion“ oder Geschäfte, die
„Rund-um-die-Uhr“ offen sind, oder können Arbeitszeiten so gestaltet werden,
dass Beruf und Familie wieder besser vereinbar sind, für Männer und Frauen?
Wie können sozial- und arbeitsmedizinische
Erkenntnisse besser eingebracht und umgesetzt werden?
Die
Einkommenssicherung und –verteilung:
Zumindest zwei Ansätze sind beim Einkommen
zu verfolgen: Gerechte Entlohnung für den Bereich der Erwerbsarbeit. Entwicklung
anderer Formen der Existenzsicherung – z.B. Modelle der Grundsicherung – für
die in der „Triade der Arbeit“ genannten weiteren Bereiche der Arbeit, dies
unter besonderer Beachtung des „Gender Mainstreaming“.
Sozialstaat
und Sozialversicherungen:
Nicht zuletzt durch die Globalisierung
der Märkte hat die Frage, welche Aufgaben ein Staat erfüllen soll und welche
besser von privater Hand zu lösen sind, höchste Brisanz. Sollen selbstverwaltete
Sozialversicherungen oder gewinnorientierte Unternehmen uns gegen die Risiken
des Lebens (Krankheit, Unfall, Pension, ...) absichern?
Armut
trotz Erwerbsarbeit:
Von der „Drittweltisierung“ der Arbeit
wird geredet, wenn nach den Produkten, die längst als Billig-Angebote auf
unseren Ladentischen liegen, auch die Löhne nach unten gehen. Sollen sich
Arbeitnehmer/innen in Zukunft damit abfinden müssen, 2 – 3 Jobs annehmen zu
müssen um überleben zu können?
Bedeutung
anderer Formen von Arbeit:
Die Engführung des Arbeitsbegriffes ist
endlich wieder aufzubrechen und neben der Erwerbsarbeit auch die unbezahlte
Hausarbeit und das Ehrenamt mitzusehen und gerechter aufzuteilen.
Bedeutung
öffentlicher Güter:
Die aktuelle „STOPP-GATS“-Kampagne weist auf die Gefahren der Privatisierung öffentlicher Güter hin. Wenn bei der Grundversorgung mit Wasser, öffentlichem Verkehr, Gesundheit, Bildung,... nicht das Allgemeinwohl an erster Stelle steht, haben nur mehr jene uneingeschränkten Zugang, die zahlen können. So drohen sinkende Umweltstandards ebenso wie eine Aushöhlung des Arbeitnehmer/innenschutzes.
Sozialverträglichkeitsprüfung:
Ähnlich der Umweltverträglichkeitsprüfung
könnte als ein erster Schritt eine „Sozialverträglichkeitsprüfung“ geschaffen
werden, welche die Auswirkungen gesetzlicher Vorhaben auf die soziale Lage
beschreibt.
Mit dem Projekt „Gute Arbeit“ könnte ein
Anstoß gelingen, den Widersprüchen der Gegenwart Visionen
[27]
entgegenzustellen:
...
von Menschen, die dort, wo sie leben und arbeiten gerechte Verhältnisse
vorfinden
...
von einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt und gleichbehandelt
leben
...
von einer Politik, die den Rahmen schafft für ein freies, gerechtes und demokratisches
Miteinander
...
von einer Arbeitswelt, in der die Menschen ihre schöpferischen Fähigkeiten entfalten
können
...von
einer Wirtschaft, in der die Menschen im Mittelpunkt stehen
...
von einer Kirche, die aus den Quellen der Bibel schöpft und ein Ort der Hoffnung
ist.
Im
Mai 2002 hielt der Kärntner Diözesanbischof Dr. Alois Schwarz vor Christgewerkschaftern
in Klagenfurt ein Referat zum Thema: „Die Zukunft der Arbeitswelt und Katholische
Soziallehre“. Nach der Aufforderung, das Wort Solidarität mit gewerkschaftlichem
Einsatz auszubuchstabieren ohne dabei den Menschen aus dem Blick zu verlieren,
schloss er mit einem Zitat des in den USA lebenden Philosophen Frithjof Bergmann:
„Für die Zukunft ist es notwendig, eine
Arbeit zu finden, an die man glaubt und die man gerne tut und nicht mehr oder
minder erleidet. Eine Arbeit, die erhebt statt zu erniedrigen, die belebt,
statt bedrückt, die Kraft gibt, anstatt die Seele auszusaugen.“
[28]
Zum Autor:
Andreas Gjecaj, 1957 in Maribor
– Slowenien als Sohn einer albanischen Familie geboren, kommt noch im Geburtsjahr
nach Österreich und wächst zweisprachig in Graz auf. Nach Matura und Lehre
rund 10-jährige Tätigkeit als Gold- und Silberschmied, daneben in der Gründungscrew
des Grazer Jazzcafe Triangel. Danach rund 11 Jahre Diözesansekretär der
KAB-Steiermark, davon 4 Jahre auch Betriebsratsvorsitzender in der Diözese
Graz-Seckau. Seit Oktober 2000 Bundessekretär der KAB-Österreich, u.a. Mitglied
im Bundesvorstand des ÖGB.
Anmerkungen:
[1] Joseph Cardijn: Führe mein Volk in die Freiheit – Gedanken von Joseph Cardijn zu wesentlichen Themen unserer Zeit, KAB & CAJ, Waldmünchen
[2] Das „Projekt Sozialwort“ ist eine Initiative der 14 Mitgliederkirchen des Ökumenischen Rates in Österreich. In der Phase 2 spiegelt der „Sozialbericht“ auf 183 Seiten die Erfahrung und Praxis sozialen Engagements. Er bildet die Grundlage für das eigentliche „Sozialwort“, welches im Jahr 2003 erscheinen soll. Zitat aus dem Sozialbericht, Seite 23.
[3] Sozialbericht s.o., Seite 26
[4] Sozialbericht s.o., Seite 25
[5] Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt/M: Campus 1996
[6] Erich Ribolits: Die Arbeit hoch! Wie viel Arbeit braucht der Mensch? in „Denken + Glauben“ Zeitschrift der Kath. Hochschulgemeinde Graz, Mai 1998
[7] Bericht der KAB-Westdeutschland: Die Zeichen der Zeit erkennen – Arbeit und Leben neu gestalten. Bottrop, Mai 1999
[8] Das neue Grundsatzprogramm der KAB-Österreich wurde nach einem einjährigen intensiven Diskussionsprozess am 23. Juni 2001 einstimmig beschlossen. Zitat, Seite 7
[9] nach Unterlagen der IKAT-Tagung in Bozen 1999: Joachim Sikora – Vision einer Tätigkeitsgesellschaft
[10] Zitate aus der Pressemappe des Frauenkongresses vom 9. – 12. Mai 2002 in Köln: UNERHÖRT! Wie Frauen leben und arbeiten wollen
[11] aus: „Moderne Arbeitswelt und christlicher Glaube“, Franz Vollmann, Graz 1989
[12] Die Bibel – Einheitsübersetzung: aus dem Buch Exodus 20,2
[13] Die Bibel – Einheitsübersetzung: aus dem Evangelium nach Lukas 4,18-19
[14] Franz Vollmann, s.o.
[15] Johannes Paul II:, Laborem exercens, 6
[16] Kurt Koch: Schweigeverbot – Christliche Befreiungspraxis an Brennpunkten unseres Lebens, Freiburg im Breisgau, 1988
[17] Dorothee Sölle: Lieben und Arbeiten – Eine Theologie der Schöpfung, Stuttgart, 1985
[18] Die Bibel – Einheitsübersetzung: aus dem Buch Exodus 3,7-8
[19] Kurt Marti: Zärtlichkeit und Schmerz, Darmstadt 1979
[20] Der Mensch ist der Weg der Kirche – Sozialhirtenbrief der katholischen Bischöfe Österreichs – 1990
[21] Hans Gruber – Theologie der Arbeit und die Pastoral in der Arbeitswelt, Linz 2002
[22] Johannes Paul II.; Laborem exercens, 26
[23] Grundsatzprogramm der KAB-Österreich, s.o. Zitat, Seite 7
[24] Karl Marx / Friedrich Engels, Werke (MEW) hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1956
[25] Informationen zu den Projekten „Gute Arbeit“ in Deutschland und Finnland sind im Internet unter: www.gute-arbeit.net zu finden
[26] aus: schräg/strich – Kommunikationsorgan des Bildungshauses Bettriebsseminar, Mai 2002: Gute Arbeit – Ansichten eines Gewerkschaftssekretärs, zusammengefasst von Susanne Lammer
[27] Grundsatzprogramm der KAB-Österreich, s.o. Zitat Seite 19
[28] Diözesanbischof Dr. Alois Schwarz, Gurk-Klagenfurt: Vortrag „Die Zukunft der Arbeitswelt und Katholische Soziallehre“ – Klagenfurt, 2002