SONNTAG ALS NORMALER WERKTAG
Eine fiktive Politiker-Rede des Jahres 2006 - verfasst von Pfarrer Gerald Gump
Wir haben gewonnen!
Endlich - wir haben gesiegt. Seit Jahren hat es unser Wirtschaftsverein
darauf angelegt, das längst überholte Relikt eines gemeinsamen Sonntags-Ruhetags
zu durchbrechen - die Gesetze sind endlich durch,dass ab sofort jeder Arbeitnehmer
seinen persönlichen Sonntag hat. Vor etwa 1700 Jahren wurde diese altertümlichen
Praxis eines gemeinsamen Feiertages pro Woche eingeführt - lächerlich,
dass man bis vor wenigen Jahren daran festgehalten hat. Auch die Tatsache, dass
die Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert mit größtem Einsatz darum kämpfte,
ist endlich überwunden!
Wirtschaftliche Vorteile
Jede Menge an wirtschaftlichen Vorteilen eröffnet sich uns endlich:
Die sinnlose, bisherige Praxis, dass die Arbeit am Sonntag überbezahlt
wurde, hat sich jetzt endlich aufgehört - jede Stunde wird als Stunde bezahlt,
egal ob um Dienstag, Freitag, Sonntag oder in der Nacht.
Die unwirtschaftliche Ansammlung kleiner Geschäfte bereinigt sich gerade
von selbst, da es sich kein Familienbetrieb Ieisten kann, 7 Tage in der Woche
aufzusperren. Wir sind soweit, dass die voll florierende Shopping- City- Süd
die ersten Gründe zwecks Expansion bis in den Schwechater Raum aufzukaufen
beginnt. Bei solch toller Wirtschaftlichkeit sind Kassandrarufe wie ,,moderne
Sklaverei" doch wirklich lächerlich; nur weil Arbeitnehmer freundlich
aber bestimmt eingeladen werden, für sie eher unangenehme Dienstzeiten
zum etwas verminderten Kostensatz in Kauf zu nehmen - sie können sich ja
eine andere Arbeitsstelle suchen ... (auch wenn es außerhalb unseres Groß-
Konzerns wohl kaum mehr etwas zu finden sein wird - hehe).
Aufruf zum sozialen Engagement
Nach ausführlicher Schilderung unserer riesigen Errungenschaften möchte
ich aber doch ein ernstes Thema anschließen. Aus unerfindlichen Griinden
sind verschiedene Vereine wie Feuerwehr, Rotes Kreuz, pfarrlichen Sozialarbeit
u. v. a. m. in den letzten Jahren drastisch geschrumpft. Das von diesen Seiten
oft verwendete Argument, dass seit Abschaffung des Sonntags auch ihr Versammlungstag
verloren und dadurch, wie auch durch die berufliche Überbeanspruchung,
ein drastischer Mitgliederschwund aufgetreten ist, kann wohl nur belächelt
werden.
Seit allerdings sämtliche, freiwillige Sozialeinrichtungen geschlossen
haben, müssen wir um riesige Geldsummen die ganze Berufs-Basis stellen,
was ein Vielfaches der bisherigen Kosten verursacht. Auch ein sprunghaftes Ansteigen
von "verhaltensauffälligen" Kindern an unseren Schulen ist festzustellen.
Unwahrscheinlich viele Beziehungen gehen in Brüche. Lächerlich ist
es, wenn Kritiker behaupten, dies sei darauf zurückzuführen, dass
die normalen (Familien-)Beziehungen stark belastet sind, nur weil jedes Familien-
Mitglied seinen ganz persönlichen, freien Tag genießen kann. Es ist
für Beziehungen doch völlig irrelevant, ob strukturell gemeinsame,
freie Zeit ermöglicht wird. Auch die Tatsache, dass eine Vielzahl der unsere
schöne Kultur prägenden Feste plötzlich verschwunden ist, kann
mit der Aufhebung des Sonntags sicher nicht ausreichend begründet werden
- oder ?!
Rhythmus der Natur
Ein weiteres, ernstes Thema gilt es auch noch anzuschneiden: Nachdem sich
in den letzten Jahrzehnten eine unerklärliche Übersensibilität
für die Natur breitgemacht hat, mahnen unverbesserliche Kritiker unserer
modernen Errungenschaften Verschiedenes ein. Sie meinen, dass wir nach so massiven
Eingriffen in die Naturzusammenhänge, die Krisen wie Umweltkatastrophen,
Klimaveränderungen, BSE od. Ähnliches zur Folge hatten, endlich daraus
lernen hätten sollen, gesunde Rhythmen nicht noch mehr zu schädigen.
Es sind und bleiben lächerliche Argumentationen, schließlich hat
noch niemand beweisen können, dass die in der letzten Zeit so stark um
sich greifenden Herz- und Nervenkrankheiten im Geringsten damit zusammenhängen,
dass es keine gemeinsame Unterbrechung der Arbeit, keine Zeiten der gemeinsamen
Ruhe und keine Bereiche gibt, wo alle einmal zusammen aus den Kreisläufen
von Leistung, Wirtschaftlichkeit und Erwerbstätigkeit aussteigen.
Daraus folgt:
Es ist und bleibt DIE Errungenschaft unserer Zeit, dieses unnötige
Relikt eines gemeinsamen Sonntags endlich abgeschafft zu haben. Vor Jahren gab
es noch Boykott-Versuche einiger wild gewordener Weltverbesserer. Sie meinten,
es solle bei den schon geöffneten Geschäften am Sonntag niemand einkaufen,
damit es sich nicht rechne. Es ist aber dadurch schiefgelaufen, dass sich unsere
Kunden ganz einfach nicht danach gerichtet haben - jetzt haben wir den Erfolg!
Auch lächerliche Argumentationen, dass die Kaufkraft nicht dadurch steige,
dass ein weiterer Tag für die Wirtschaftlichkeit zur Verfügung steht,
sind zwar an sich nicht ganz falsch, aber wir haben durch das dadurch erfolgte
Sterben der Kleinen endlich die so erfolgreiche Wirtschaftskonzentration erreicht
- für sie ist damit die Kaufkraft wirklich gestiegen! Aus all dem kann
man nur sagen: "Die Abschaffung des Sonntag war ein voller Erfolg!"
Ein Politiker der Zukunft
(Nach dem Diktat leider an Herzinfarkt verstorben - die Einheitsfirma ,,Geschäftsmonopol"
trauert um ihren erfolgreichen Manager!)
Sonntag - der Tag des Herrn
Neben rein menschlichen, wirtschaftlichen und sozialen Argumenten gibt es auch
spezifisch christliche Begründungen für einen gemeinsamen Sonntag:
*) Wir feiern gemeinsam den Tag der Auferstehung Jesu - wir feiern unsere Auferstehung.
Wir erinnern uns unserer Wurzeln: Juden - Christen, auch Muslims haben den 7-Tage-Rhythmus
mit einem, göttlichen Feiertag für alle *)
Der Mensch ist Gott zum Abbild ins Leben gerufen: Er soll nicht nur aktiv sein,
wirtschaften und tun, sondern auch ruhen, spielen, feiern, ... - und das gemeinsam!
Die biblische Arbeitsruhe umfasst Menschen, Knechte, Tiere: ein Tag pro Woche
ist für alle frei, sind alle völlig gleich (vom Generaldirektor bis
zur Putzfrau) - was für ein revolutionärer, sozialer Ansatz!
Die Erfahrung biblischer Propheten: Dort, wo der Tag des Herrn verwahrlost oder
fällt, greifen auch andere soziale Ungerechtigkeiten um sich... )
Sonntag:
Eine Erinnerung, dass Leistung und Wirtschaftlichkeit nicht alles sind - wir
sind mehr, als wir tun und leisten können!
Gemeinsames Unterbrechen und Durchatmen tut gut!
Sonntag - ein Tag, wo alle gemeinsam arbeitsfrei und damit Zeit haben für
Beziehungen, Freizeit, Gottesdienst, pfarrgemeindliches Engagement, ... - ein
Gegenmodell zum Nachdenken.
Der Hauptgottesdienst findet ab sofort am Montag statt, die Messe für Kinder
am Dienstag, Familien am Mittwoch,...